|
 Vulkan des Monats Mai:
Katla
Kartengrundlage:
mineralienatlas.de
 Grafisch vom deckenden Gletschereis (blaue Linie) befreite Katla-Caldera.
Illustration: Nordic Volcanological Center
 Die im Juli 2011 durch einen Gletscherlauf unterbrochene Brücke über den Fluss Múlakvísl.
Foto: Bjärnsson |
Vulkan des Monats Mai: KatlaIsland
63.63°N, 19.05°W
Laufnummer Global Volcanism Program: 1702-03
Gipfelhöhe: 1380 mü.M.
Kurzcharakteristik: Kraterreihe und subglaziale Caldera
In diesen Wochen jährt sich der jüngste Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull* zum zweiten Mal, und zwangsläufig häufen sich gegenwärtig jene Medienberichte, die an dieses folgenschwere Ereignis erinnern. Meist bleibt es aber nicht bloss beim Rückblick auf die starke Aschenförderung und das dadurch hervorgerufene Chaos im europäischen Luftverkehr. Auffällig oft wird mit wohligem Schauer auch darauf hingewiesen, dass in Island noch ein anderer Vulkan das Potenzial für einen vergleichbaren - oder besser für einen noch gewaltigeren - Aschenauswurf hätte: die Katla. Dieser nach einer Sagengestalt benannte Vulkan im Süden Islands scheint sich regelrecht zum Liebling der Medien gemausert zu haben. Schliesslich erhebt er sich gleich neben dem Eyjafjallajökull und ist schon lange nicht mehr heftig tätig gewesen. Ausserdem ist sein Name einfacher auszusprechen.
Tatsächlich war die Katla schon häufig Schauplatz explosiver Ausbrüche. Denn im Zentrum dieser langgezogenen Kraterreihe bzw. Spaltenzone befindet sich eine fast 14 Kilometer weite und rund 700 Meter tiefe Caldera, die weitgehend unter dem mächtigen Eispanzer des viertgrössten Gletschers Islands, des Myrdalsjökull, verborgen liegt. Steigt an einer solchen Stelle Magma zur Erdoberfläche auf, trifft es bei seinem Austritt zwangsläufig auf Gletschereis und schmilzt es auf. Dadurch entsteht ein brisantes Wasserdampfgemisch, das wie Dynamit explodieren kann (wobei acht Gramm Wasser etwa eine Sprengkraft von einem Gramm TNT entwickeln).
Allein seit der Zeitenwende hat es gemäss Datenbank des Global Volcanism Program (GVP) im Gebiet der Katla-Caldera mehr als drei Dutzend Eruptionsphasen gegeben, die explosiven Charakter hatten. Damit nicht genug. Kommt es unter dem Eis zu Eruptionen, dann bilden sich auch enorme Schmelzwassermengen, die an der Stirnfront des Gletschers mit grosser Wucht hervorbrechen und schliesslich auf dem Vorland Überschwemmungen verursachen können. In Island werden solche Gletscherläufe als Jökulhlaup bezeichnet.
Die Katla war Ausgangspunkt zahlreicher derartiger Ereignisse. So waren etwa am 12. Oktober 1918 - während der bislang letzten bedeutenden Eruptionsphase der Katla - zuerst einige Erdstösse zu verspüren, dann schoss über dem Gletscher eine mächtige Aschenwolke in die Höhe, und kurz danach füllte ein Gletscherlauf das Bett des zum Meer führenden Flusses Múlakvísl. Am Gletscherrand soll die Flut eine Höhe von siebzig Metern erreicht haben, an der Küste noch eine Höhe von rund zehn Metern. Nach zwei Stunden war der Spuk vorbei. Doch gleich darauf bahnte sich etwas weiter östlich ein zweiter Gletscherlauf seinen Weg zum Meer und überschwemmte dabei das Gletschervorfeld Myrdalssandur. Diese beiden grossen und danach noch einige weitere, kleinere Gletscherläufe mobilisierten in ihren Wirkungsbereichen so viel Geschiebe, dass sich die Küstenlinie im Mündungsbereich der Múlakvísl um einen halben Kilometer meerwärts verschob. Seither ist Kötlutangi und nicht mehr Dyrhólaey der südlichste Punkt Islands.
Letztmals kam es im Fluss Múlakvísl am 9. Juli 2011 zu einem bedeutenden Gletscherlauf, und auch ihm gingen Erdbeben voraus. Innert kurzer Zeit stieg damals der Wasserstand an einer der Messstationen um fünf Meter an, und durch die Wucht der Wassermassen wurde eine erst gut zwanzig Jahre alte Brücke der Ringstrasse am Múlakvísl zerstört. Dank eines funktionierenden Wasserpegel-Frühwarnsystems konnte die betreffende Stelle rechtzeitig für den Verkehr gesperrt werden. Es kamen keine Personen zu Schaden, und schon im Laufe des 10. Juli ging der Wasserstand wieder auf die normale Höhe zurück. Die unterbrochene Strassenverbindung wurde vorerst mit geländegängigen Spezialfahrzeugen überwunden, aber schon nach wenigen Tagen konnte der Verkehr über eine Behelfsbrücke umgeleitet werden.
Jede seismische Unruhe, die heute im Gebiet der Katla verzeichnet und sogleich über das Internet (vgl. Link) bekanntgemacht wird, sorgt deshalb nicht nur für gesteigerte Aufmerksamkeit, sondern oft genug auch für übersteigerte mediale Reaktionen. Jedenfalls lieferte die angebliche Furcht der Isländer vor einem verheerenden Ausbruch der Katla gerade jüngst wieder weltweit Stoff für entsprechende Schlagzeilen, von den Daily News in Indien über den Telegraph in England bis zur Vancouver Sun in Kanada. Gewiss, die Katla hätte das Potenzial dazu. Aber längst nicht jede seismische Unruhe in der jungvulkanischen Zone Islands ist das Vorzeichen einer Eruption, zudem gäbe es dort noch weitere Lokalitäten, welche die gleiche Aufmerksamkeit verdienten. Vorläufig gilt deshalb auch in diesem Fall der Slogan eines Propagandaplakats der Briten zu Beginn des Zweiten Weltkriegs: keep calm and carry on – ruhig bleiben und weitermachen.
Empfohlene Links:
Die seismische Unruhe im Bereich der Katla kann laufend verfolgt werden unter:
http://en.vedur.is/earthquakes-and-volcanism/earthquakes/myrdalsjokull/
Webcam des Icelandic National Broadcasting Service (RUV) zur Überwachung der Katla:
http://www.ruv.is/katla/
* Umgangssprachlich werden sowohl Vulkan als auch Gletscher als Eyjafjallajökull (Inselbergegletscher) bezeichnet, und auch das Global Volcanism Program stellt diese Bezeichnung in den Vordergrund. Da Jökull wörtlich übersetzt Gletscher bedeutet, sollte eigentlich für den Vulkan die Bezeichnung Eyjafjalla reichen. Aber Eyjafjalla ist eine Genitiv-Plural-Form, die nur in der isländischen Zusammensetzung Sinn macht. Die grammatikalische Grundform ist vielmehr Eyjafjöll (und bedeutet Inselberge oder noch besser Inselgebirge). Fazit: Als Formulierung in deutscher Sprache würde sich «Eyjafjöll-Vulkan» besser eignen.
|
Buchtipp:
Felix Frank
Gefahrenzone Erde.
Vulkanausbrüche - Erdbeben - Tsunamis
Ott Verlag, Bern
Vulkanismus aktuellIm April 2012 tätige VulkaneStromboli, Italien (Dauertätigkeit)
Ätna, Italien (Dauertätigkeit)
Karymsky, Kamtschatka/Russland
Shiveluch, Kamtschatka/Russland
Suwanose-jima, Japan (Dauertätigkeit)
Sakura-jima, Japan (Dauertätigkeit)
Pagan, Nördliche Marianen
Anak Krakatau, Indonesien
Batu Tara, Indonesien
Dukono, Indonesien (Dauertätigkeit)
Tinakula, Salomonen (Dauertätigkeit)
Ambrym, Vanuatu (Dauertätigkeit)
Yasur, Vanuatu (Dauertätigkeit)
Kilauea, Hawaii/USA (Dauertätigkeit)
Cleveland, Alaska/USA
Popocatepetl, Mexiko
Santa Maria, Guatemala (Dauertätigkeit)
Fuego, Guatemala (Dauertätigkeit)
Arenal, Costa Rica (Dauertätigkeit)
Tungurahua, Ecuador
Sangay, Ecuador (Dauertätigkeit)
Cordon Caulle, Chile
Villarica, Chile
Chaiten, Chile
Soufriere Hills, Montserrat
El Hierro, Kanaren (untermeerisch)
Erta Ale, Aethiopien (Dauertätigkeit)
Ol Doinyo Lengai, Tansania (Dauertätigkeit)
Nyiragongo, Kongo (Dauertätigkeit)
Erebus, Antarktis (Dauertätigkeit)
Quellen:
Global Volcanism Program
NASA Earth Observatory
Eruptions/Erik Klemetti
Volcano Live/John Seach
SVEUROP
GrossansichtKlicken Sie links auf ein Bild, um eine vergrösserte Darstellung zu erhalten.
|